Als Autor*in hast du dich sicher schon mal mit der Normseite beschäftigt. Sie dient als Richtwert, an dem sich der Umfang eines Dokuments ungefähr abschätzen lässt. Vor allem für Lektorate oder Übersetzungen ist die Normseite hilfreich, um ihre Aufträge zu berechnen. Mittlerweile schreiben viele Autor*innen ihre Texte in Normseiten. Aber das war nicht immer so.

Wie alles begann

Früher schlugen Leute Schriftzeichen in Steintafeln. Wenn man ein Buch lesen wollte, reiste man am besten mit einem Karren an, um die ganzen Steintafeln transportieren zu können. Es waren mühsame Zeiten, in denen nur Leute mit viel Geld und wirklich stabilen Karren Zugang zur Bildung hatten. Die Gelehrten hingegen saßen in Asien. Die waren nämlich so schlau, auf Pergament zu schreiben. Das lässt sich schön zusammenrollen und leicht transportieren.

So ging das eine ganze Weile. Aber dann gab es eine einschneidende Entwicklung: der Buchdruck. Und nur knapp 400 Jahre später gab es darauf basierend eine vor allem für Autor*innen sehr wichtige Erfindung:

Die Schreibmaschine

Im Jahr 1714 meldete der Engländer Henry Mill ein Patent auf „eine Maschine oder ein künstliches Verfahren, um Buchstaben drucken oder schreiben zu können, einzeln oder nacheinander, wie in der üblichen Schrift“ an. Zugegeben, der Name geriet etwas sperrig. Kein Wunder, dass sich diese Maschine nicht direkt durchsetzen konnte.

Der österreichische Tischler Peter Mitterhofer baute bis zum Jahr 1869 fünf Schreibmaschinenmodelle aus Holz. Seine Entwicklung gilt als der Prototyp der Typenhebelschreibmaschine.

Die erste Maschine, die fabrikmäßig hergestellt und zum Teil schon in Büros verwendet wurde, war aber die Schreibkugel, des dänischen Pastors Rasmus Malling-Hansen. Hier waren die Tasten auf einer Halbkugel angebracht, unter der das Papier auf einen Bogen gespannt wurde. Die Schreibkugel hatte bereits eine Leertaste, Zeilenschaltung und eine sichtbare Schrift.

Obwohl in Europa offensichtlich viel an Schreibmaschinen getüftelt wurde, waren es die Amerikaner Charles Glidden, Samuel W. Soule und Christopher Latham Sholes die im Jahr 1872 ihr Schreibmaschinenmodell beim Waffenhersteller Remington in Massenproduktion geben konnten. Der Nachteil: Die Schrift war nicht sichtbar. Über die Jahre wurde das Modell weiterentwickelt und es war wieder ein Europäer, der das Problem löste. Franz Xaver Wagner fand im Jahr 1893 mit John T. Underwood, der zuvor nur Farbbänder für die Remington-Schreibmaschinen geliefert hatte, einen Unterstützer. Die Firma Underwood stellte nun selber Schreibmaschinen her und drängte alle anderen Modelle vom Markt.

Von der Schreibmaschine in die Digitalität

Heute sind wir die Proportionalschrift gewohnt. Jeder Buchstabe nimmt dabei den Platz ein, den er benötigt. Bei den Schreibmaschinen war das früher nicht üblich – um nicht zu sagen: nicht möglich. Sie druckten nichtproportionale Schrift und die Abstände aller Buchstaben waren gleich. Dadurch ergab sich die erste Normseite. 60 Zeichen passten in eine Zeile. 30 Zeilen passten auf ein Blatt Papier. Insgesamt ergibt das 1800 Zeichen. Spätestens jetzt sollte klar sein, wo der Ursprung der Normseite liegt.

Im Jahr 1992 einigten sich die deutsche Schriftstellergewerkschaft und die Buchhandels- und Verlegervereinigung darauf, dass die Schreibmaschinennormseite eine gute Richtlinie ist, um damit in allen Branchen zu arbeiten. Die Normseite, die „30 Zeilen mit höchsten 60 Anschlägen“ beinhaltet, wurde im Normvertrag festgehalten und wird seitdem mehr oder weniger in allen schriftstellerischen Berufen verwendet.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die 1800 Zeichen eher unwahrscheinlich sind. Zeilenumbrüche, Absätze und fehlende Silbentrennung sorgen dafür, dass eigentlich nur per purem Zufall mal wirklich 1800 Zeichen auf einer Seite landen. Die Normseite dient also nur als Berechnungsgrundlage, statt als explizit festgesetztes Format. Wollte man immer genau 1800 Zeichen auf eine Seite kriegen, würden wir wohl alle kein Buch mehr fertigkriegen, bei der dafür nötigen Kleinarbeit.

Es gibt auch durchaus Abweichungen. Die VG WORT beispielsweise rechnet mit Normseiten von 1500 Zeichen. Manche Internetseite liegt irgendwo zwischen 1600 und 1700 Zeichen pro Normseite. Diese Vorgaben entsprechen auch eher der Realität, die wirklich auf der Seite landet, aber trotzdem ist es natürlich kaum möglich, die exakte Zeichenzahl zu erwischen.

Mit welcher Normseite gearbeitet wird, ändert aber nichts daran, dass sie in erster Linie der einfacheren Kommunikation zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer dient. Es ist nun mal leichter, in Normseiten zu rechnen, als wenn jede*r Autor*in ihre Texte so abgibt, wie sie gerade zur Verfügung stehen. Aufgrund der Normseite werden Preise für Dienstleistungen wie Lektorate und Buchsatz kalkuliert. Übrigens werden auch die E-Book-Seiten in Onlineshops per Normseite berechnet, damit man beim Kauf eine ungefähre Vorstellung von der Länge des Buchs hat. Deshalb weichen die angegebenen Seitenzahlen bei Print und digitaler Version auch immer ab. Aber immerhin hat man so einen Richtwert, an dem man sich orientieren kann.

Du siehst, die Normseite ist nicht direkt in Stein gemeißelt wie die ersten Schriften. Sie dient aber der leichteren Abrechnung und dem Verständnis, was genau verlangt wird. Du bist also gut damit beraten, vor jedem Auftrag herauszufinden, wie die Normseite im Einzelfall gestaltet sein sollte. Wie viele Normseiten hast du schon geschrieben?

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